Historische und Systematische Kommunikationswissenschaft

Projekt

Projekt „Die Konstruktion der Katastrophe. Humanitäre Hilfsaktionen der Bundesrepublik Deutschland 1951-1992“

Humanitäre Katastrophen wie die Erdbeben in Agadir (1960) und Managua (1972) oder der Hunger in der Sahelzone (1973/75) und in Äthiopien (1983/85) bewegten zu ihrer Zeit die Weltöffentlichkeit. Die Bundesrepublik Deutschland tat sich bei solchen Katastrophen von Beginn an mit Spenden und bei der Lieferung von Hilfsgütern international hervor. Inzwischen sind die Zahl und der Umfang von Hilfsaktionen bei Katastrophen so weit angestiegen, dass einige Politologen gar von einer „international humanitarian order“ sprechen, die andere Formen der Gestaltung von Außenbeziehungen abgelöst habe.

Das Projekt hinterfragt den selbstverständlich erscheinenden Impuls zur Hilfe und analysiert die Politik und die Kultur, die den humanitären Aktionen im Kalten Krieg zu Grunde lagen. Der Notstand wird dabei als ein mediales und soziales Konstrukt aufgefasst, mit dem negative Ereignisse in der Welt in einer bestimmten Weise wahrgenommen werden, nämlich als Katastrophen, die humanitäre Hilfe notwendig und unabdingbar machen. Um diese Konstruktion nachvollziehen zu können, braucht es einen breiten Medienbegriff, da unterschiedliche Organisationen und Institutionen an der Produktion des Notstandes beteiligt sind. So werden vier Akteure – neben den Medien im engen Sinn das Militär, die Außenpolitik und die nichtstaatlichen Organisationen – untersucht und auf die jeweilige Logik hin befragt, die sie von 1951 an vermehrt Katastrophen in der Welt identifizieren ließen. Dieser Organisationsgeschichte wird eine „Geschichte von unten“ gegenübergestellt, die nach den Erfahrungen der Aktiven in diesen Organisationen und mit den medialen Bildern fragt, um zu zeigen, wie der Impuls zur Hilfe in der Gesellschaft entstand.

Damit wird ein zentraler Modus der Aushandlung internationaler Beziehungen und der nationalen Selbstverständigung in einer zunehmend transnational organisierten und global denkenden Welt analysiert. Anhand des Themas soll die Ambivalenz eines wichtigen Narratives der aktuellen Zeitgeschichte – einer fortschreitenden Zivilisierung und Globalisierung der Welt nach 1945 – herausgearbeitet werden. Denn Humanitäre Hilfe war immer beides: uneigennützige Hilfe und Interessenpolitik, Hinwendung zu den Ärmsten der Welt und kurzfristiges Spektakel. Insgesamt leistet das Projekt so einen Beitrag zu einer komplexeren Geschichte der Wahrnehmungen im Kalten Krieg jenseits der bipolaren Konfrontation der beiden „Supermächte“.

patrick.merziger@uni-leipzig.de