Gent: Juliane 2012

Erfahrungsbericht Gent, Belgien – Juliane

Von Februar bis Juni 2012 habe ich ein Semester lang an der Universität Gent in Belgien studiert.

DIE SPRACHE:

Gent befindet sich in Flandern und somit im niederländischsprachigen Teil von Belgien. Da als Unterrichtssprache Niederländisch angegeben wurde, habe ich in Vorbereitung auf meinen Aufenthalt einen Sprachkurs am Sprachinstitut der Universität Leipzig besucht. Auch wenn Niederländisch und Deutsch eine Menge Parallelen und Ähnlichkeiten aufweisen und man sich auch mit wenig bis keinen Sprachkenntnissen zurecht finden kann, würde ich den Besuch eines Kurses empfehlen. Es war auf jeden Fall hilfreich um Flämisch, dass sich noch einmal vom allgemeinen Niederländisch unterscheidet, besser zu verstehen und schneller Kontakt zu den Einwohnern und belgischen Studenten zu finden. Im Endeffekt können aber alle Belgier sehr gut Englisch sprechen und sind auch jederzeit gerne dazu bereit. Tatsächlich werden an der Universität Gent oder zumindest an meinem Institut (Kommunikationswissenschaften) hauptsächlich Kurse in Niederländisch angeboten. Es gibt allerdings auch Ausnahmen und für Erasmus-Studenten werden meistens gesonderte Aufgaben und Prüfungsleistungen in Englisch angeboten. Viele meiner Freunde haben auch erst einen Sprachkurs vor Ort an der Universität belegt, um Grundkenntnisse in Niederländisch zu sammeln.

UNTERKUNFT:

Die meisten meiner Erasmus-Freunde haben ein Zimmer in einem der vielen Studentenwohnheime bezogen. Die meisten von den Wohnheimen sind recht gut gelegen und modern. Nur einige sind ein wenig weiter vom Stadtzentrum entfernt und von der Einrichtung her nicht mehr ganz auf dem neuesten Stand. Das Leben in den Wohnheimen habe ich als sehr familiär und lustig miterlebt. Es wird zusammen gekocht, gefeiert, sich gegenseitig geholfen und unterstützt und bei eventuellem Heimweh abgelenkt. Man findet sehr schnell Freunde und lernt die unterschiedlichsten Kulturen und Traditionen kennen. Einladungen zu Wohnheim-Feiern waren also immer eine willkommene Abwechslung!

Ich persönlich wollte aber in keinem Studentenwohnheim, sondern lieber in einer Wohngemeinschaft mit belgischen Studenten leben. Auf diese Weise wollte ich meine gelernten Sprachkenntnisse anwenden und verbessern und auch den Kontakt zu Belgiern herstellen, um an die Insider-Tipps der Stadt Gent heranzukommen.

Eine gute Anlaufstelle für die Zimmersuche sind entweder die direkt für die Austauschstudenten konzipierten Seiten auf der Homepage der Universität Gent oder die Internetseite „www.kot.be“. Was mir aber im Endeffekt geholfen hat, waren Facebook-Gruppen wie zum Beispiel „Exchange Students at Ghent University“, die als Forum für alle Fragen, aber auch zum größten Teil als Schwarzes Brett für alle möglichen Dinge dienten. In einer dieser Gruppen habe ich eine Such-Anzeige geschaltet und relativ schnell Kontakt mit einer Erasmus-Studentin aufgenommen, die eine Nachfolgerin für ihr Zimmer gesucht hat.

DIE UNIVERSITÄT:

Ich habe viele Ähnlichkeiten zwischen dem Kurs- und Prüfungsleistungs-System an der Universität Gent und der Universität Leipzig bemerkt und musste mich dementsprechend nicht großartig neu-orientieren und umstellen. Insgesamt habe ich vier Kurse am Institut der Kommunikationswissenschaften belegt, wie zum Beispiel „Einführung in die neuen Kommunikationstechnologien“ oder „Werbung und Konsumentenverhalten“, die sich hauptsächlich aus Vorlesungen und einer abschließenden Prüfung zusammensetzten. Wie aber schon erwähnt, gibt es gesonderte Bedingungen für die Erasmus-Studenten und im Endeffekt haben wir uns je nach Kurs separat in kleinen Gruppen mit den Professoren getroffen und spezielle Aufgaben bekommen. Als Prüfungsleistung musste ich entweder Hausarbeiten schreiben und diese präsentieren, eine mündliche Prüfung ablegen oder an einer schriftliche Klausur teilnehmen – alles in Englisch und speziell für die Erasmus-Studenten angefertigt. Da mein Niederländisch nicht gut genug war, um ganze Hausarbeiten oder Klausuren zu schreiben, war ich ganz froh über die Sonderbehandlung. Schade ist nur, dass ich dadurch kaum Kontakt zu meinen belgischen Mitstudenten hatte und es somit schwieriger war, Freunde direkt aus Gent zu finden. Ansonsten waren alle Professoren und Mitarbeiter an der Universität sehr hilfsbereit und stets bemüht uns bei Fragen und Problemen zur Seite zu stehen.

DIE STADT:

Gent ist eine unglaublich schöne, historisch-wertvolle und kulturreiche Stadt. In die mittelalterliche Innenstadt mit ihren Kirchen, Marktplätzen und Krachtenlandschaft habe ich mich sofort verliebt. Vor allem wenn das Wetter gut war, tummelten sich Jung und Alt in den vielen Parks und Grünanlagen oder am Wasser. Auch wenn Gent eher Kleinstadt-Feeling versprüht, ist es eine unglaublich junge Stadt mit vielen Angeboten für Studenten. Es gibt viele tolle Bars und Clubs, die vor allem auf dem Mittwoch und Donnerstag gut besucht sind und von den vielen Bierhäusern und Frittüren will ich gar nicht erst anfangen. Ein absolutes Muss ist es, sich in einem der vielen Nachtwinkel (Spätkauf) ein Bier zu holen, eine Portion Frietjes zu kaufen und sich dann mit seinen Freunden an die Graslei zu setzen und die Boote auf der Leie zu beobachten. Als Absacker sollte ihr dann noch in „'t Dreupelkot“ einen der vielen Genever-Sorten probieren und mit dem alten Pol ein Pläuschen halten.

Generell als kleinen Hinweis: In Belgien ist alles ein wenig teurer! Die Preise sind nicht dramatisch höher und es gibt auch Dinge die sogar ein wenig günstiger oder gleich kosten, aber generell ist alles ein klein wenig teurer! Alkohol ist da leider keine Ausnahmen, aber dafür haben die meisten Clubs freien Eintritt!

WAS MIR NICHT SO GEFALLEN HAT:

Auch wenn Gent eine Studentenstadt ist und es viel zu tun und unternehmen gibt, kann es am Wochenende auch schon mal langweilig werden. In Belgien ist es nämlich typisch, dass alle Studenten über das Wochenende nach Hause fahren! Klar gibt es dann noch deine Erasmus-Freunde, aber die Clubs und Bars werden eher von den Genter Teenagern oder dem älteren Volk überrannt und somit hatten wir oft einen eher ruhigen Freitag oder Samstag erlebt. Was mir auch aufgefallen ist, ist das die Belgier größtenteils ein eher verschlossenes und zurückhaltendes Volk sind. Wenn du sie direkt ansprichst, ist Freunde finden gar kein Problem, aber das sie selbst den ersten Schritt machen, kam leider nicht so oft vor. Natürlich ist das nach ein paar belgischen Bierchen eine andere Sache! Generell wirkten aber die meisten Menschen aus Gent eher schüchtern auf mich und auch bei meinen belgischen Mitbewohner dauerte es eine Weile, bis wir uns aneinander gewöhnt hatten und zusammen was unternehmen konnten. Ansonsten sind die Belgier aber sehr nett und hilfsbereit und wenn man sich eine Weile kennt, kann man unglaublich viel Spaß mit ihnen haben!

Was mich auch ein wenig am Anfang abgeschreckt hat, war das WG-Leben. Hier ist es nämlich größtenteils sehr zweckmäßig und erinnert mehr an eine Jugendherberge. Die Zimmer werden durch den Vermieter oder Verwalter vergeben und so etwas wie ein Casting oder Mitspracherecht seitens der Bewohner gibt es nicht. Jeder hat sein eigenes Ding durchgezogen und im Endeffekt habe ich nur zu zwei von meinen fünf Mitbewohnern guten Kontakt hergestellt. In diesem Fall ist das Leben im Wohnheim auf jeden Fall besser. Außerdem gibt es selten ein Studentenhaus mit Waschmaschine, da alle ihre Dreckwäsche am Wochenende mit zu den Eltern nehmen. Aber keine Sorge, es gibt genügend Waschsalons in der Stadt!

Im Großen und Ganzen ist aber Erasmus in Belgien sehr zu empfehlen! Es muss nicht immer Südeuropa, Skandinavien oder Großbritannien sein! Auch wenn der große Kulturschock in Belgien ausgeblieben ist, habe ich eine Menge über das Land, das Leben und seine Menschen und Traditionen kennengelernt. Ich habe viele tolle Leute kennengelernt, Freunde aus aller Welt gefunden und unglaubliche schöne Erfahrungen und Erinnerungen gesammelt.

Meine Zeit in Belgien habe ich in einem Blog festgehalten: http://jane-in-gent.blogspot.de/

Weiterhin habe ich regelmäßig Videos auf YouTube gepostet: http://www.youtube.com/user/Fusseljane