Prag: Julian 12-13

Anreise, Ankunft und Sprachkurs

Die Organisation seitens der Uni Leipzig und der Karlsuniversität bezüglich aller Dokumente, Unterkunft etc. war vorbildlich, rechtzeitig und einfach. Die wenigen Fragen, die offen blieben, wurden lange Zeit vor dem Start schnell gelöst.

Prag ist per Auto, Zug und Flugzeug von Leipzig (ca. 250 km) aus einfach zu erreichen. Da ich am EILC-Sprachkurs vor dem Start des Semesters teilgenommen habe, bin ich Ende Januar mit dem Zug gekommen. Es besteht die Möglichkeit, sich beim Buddy-System der Karls-Universität zu melden. In diesem Fall wird ein tschechischer Studierender gefunden, der den Auslandsstudenten vor allem am Anfang bei der Wohnungsfindung oder ähnlichem behilflich ist. Ebenso gibt es ein Tandemprogramm zur Unterstützung des Sprachaustauschs bei Interesse. Beides habe ich nicht in Anspruch genommen.

Ich war zunächst im Wohnheim Volar untegebracht, welches in etwa 10 km südlich des Prager Zentrums liegt. Mit meinem Gepäck vom Hauptbahnhof die Metro, dann den Anschlussbus und das richtige der vielen Hochhäuser bei -10°C, Dunkelheit und Tiefschnee zu finden, gehört zu meinen ersten Abenteuern von vielen in den letzten fünf Monaten. Glücklicherweise fand ich einen Finnen und einen Franzosen, die beide auch am Sprachkurs teilnahmen. Durch das enge Wohnheimleben und den Sprachkurs hatte ich schnellen Kontakt; Volar ist als Wohnheim ok, weitaus besser als Hostivar. Dazu später mehr.

Den Sprachkurs kann ich vorbehaltlos empfehlen, da man einerseits leicht in eine kleine Gruppe findet und darüber hinaus nicht dem ganz großen Andrang aller Studenten auf einmal ausgesetzt ist. Wir haben nicht nur die Sprache gelernt, sondern auch Einführungen in Geschichte und Kultur des Landes bekommen, sowie zwei Ausflüge gemacht. Man muss sich bewerben und Glück haben, die EILC-Kurse sind zurecht begehrt.

Es ist übrigens zu empfehlen, sich möglichst schnell ein Ticket für die öffentlichen Verkehrsmittel zu besorgen. Mit einem Dokument der Karlsuni kann man sich den Studierendenstatus bestätigen lassen und damit an zentralen Metro-Strationen (z.B. Mustek) ein mehrmonatiges Ticket bekommen; 3 Monate kosten nicht mal 30€. Ansonsten kostet eine Einzelfahrt ca. einen Euro.

Unterkunft

Ich war eigentlich der Meinung, dass ich Geld sparen will und ins Wohnheim Hostivar ziehe, wofür ich mich auch angemeldet habe. Durch den vorgelegten Intensivsprachkurs, den ich gemacht habe, konnte ich bereits Wohnheimatmosphäre schnuppern, sodass ich mich sehr schnell entschied, mir eine WG zu suchen. Da Ich früher in Prag war als die meisten, war das auch recht einfach. Die großen Nachteile der Prager Wohnheime sind: Kleine Zimmer, die man sich zumeist mit jemanden teilen muss; Selbst kochen ist so gut wie unmöglich und macht keinen Spaß; Man kann kaum bis gar keinen Besuch empfangen; UND man ist 40 min unterwegs bis zur Stadt.

Ich habe über facebook (aus solchen Gründen lohnt es sich, sich den ganzen "Erasmus Prague"-Gruppen anzuschließen) gesucht und sehr schnell eine WG gefunden in Praha 2, ca. 10 min mit der Tram vom Zentrum entfernt. Die Wohnung hat 280 € Miete gekostet und hatte alles, was man brauchte; Waschmaschine, Wohnküche, Möbel, Mitbewohner aus Finnland, Frankreich und Spanien (die zudem im September schon eingezogen waren, was mir die Türen zu noch wesentlich mehr Kontakten als ohnehin schon eröffnete). Je näher man am Zentrum ist, desto teurer wird es. Gute Wohngebiete sind meiner Meinung nach Praha 2 (Vysehrad und Vinohrady) ,3 (Zizkov) und 7 (Holesovice).  Ich bin sehr zufrieden mit meiner Wahl und kann nur empfehlen, sich früh um einen Platz in einer WG zu kümmern, oder eben im Wintersemester sich schnell mit Leuten zu finden, und eine WG gründen. Gegenargument: Im Wohnheim ist man garantiert unter Leuten, und man zahlt nur ca. 130 € pro Monat.

Land, Sprache und Kultur

Tschechien ist geographisch und historisch ein Schmelztiegel zwischen slawischer und deutschsprachiger Kultur. Die historische Prägung als Teil des heiligen römischen Reiches, Österreich-Ungarn, die Eigenständigkeit 1918 und der sowjetische Einfluss ab 1945 prägen das Verständnis der Tschechen bis heute. Man wird merken, dass die Tschechen eine durchaus eigenartige Umgangsweise mit der Nation und ihren Symbolen haben; Die Kunstwerke von David Cerny, die überall in Prag verteilt sind, sind dabei nur das berühmteste Beispiel für den Umgang der Kunst mit dem Nationalbewusstsein.

Die Sprache klingt erstmal recht unschön, aber man gewöhnt sich daran. Am Ende wird man die Ansagen in der Metro oder der Tram vermissen. Es lohnt sich absolut, einen Sprachkurs zu machen, um wenigstens basale Kommunikation zu ermöglichen, Texte zu verstehen, einzukaufen etc. An vielen Orten in Prag wird zwar Englisch gesprochen, oft auch Deutsch (eher von älteren Menschen) da die Stadt Touristen und viele internationale Gäste gewohnt ist. Aber will man wirklich zu dem ignoranten Teil gehören, der nicht wenigstens versucht, sich die Sprache anzueignen?

Es liegt letztlich an einem selbst, ob man mehr das internationale Prag wahr nimmt, oder sich auch den Tschechen nähert. Einmal aus dem studentischen Milieu heraus, fällt auf, dass die Tschechen auf den ersten Blick unnahbar, distanziert und unfreundlich wirken können. Das ist vielleicht nicht groß anders als in Deutschland, und wenn man sich mal in der Kneipe oder auf einem Fest trifft, kommt man auch schnell und besser in Kontakt mit Tschechen.

Eine sehr besondere Erfahrung war ein drei-tägiger Trip nach Südböhmen mit internationalen Studierenden. Da wir dort mal nicht abgelenkt von der Stadt, Musik, Kneipen sonstigen Vergnügungen waren, sondern wanderten und kleine Städte besichtigten, entstand eine sehr schöne Atmosphäre und ein ganz anderer Eindruck vom Land. Ich würde dringend empfehlen, an so etwas teilzunehmen. Der internationale Club der Karls-Universität bietet viele Kurztrips an; Kanu oder Fahrrad fahren, Wien, Berlin, Krakau und Auschwitz, Budapest und vieles mehr. Das ganze ist immer gut organisiert und günstig. Auch auf eigene Faust reisen ist sehr einfach und günstig; Die Züge und Fernbusse sind viel billiger als in Deutschland.

Stadt und Stadtleben

Man hat die Wahl: Mitschwimmen in der Erasmusblase oder auch mal ein paar Amerikaner/innen kennen lernen; Im Zweifel sogar Tschechen. Im Ernst: Prag hat so unglaublich viel zu bieten, dass es unmöglich ist, alles aufzuzählen. Besonders wichtig war es mir, regelmäßig Sport zu machen, um die nächtlichen Touren durch Kneipen und Bars zu kompensieren. Beides geht hervorragend. Der Winter war zwar lang, aber es war dann umso schöner, als der Frühling endlich kam, und die Parks (vor allem letna und Riegrovy sady) endlich belebt waren. Außerdem habe ich oft Squash gespielt, was auch recht günstig war. Prag hat Opern, Theater (sehr sehr günstig für Studierende), Museen (Empfehlung: Technisches Museum am Letna-Park), Ausstellungen und vieles mehr. Man merkt, dass man nicht nur in der Hauptstadt Tschechiens, sondern in einer europäischen Metropole ist. Man kann praktischen jeden Tag was Besonderes erleben, vor allem nachts sind die Angebote an Kneipen, Bars und Clubs unüberschaubar und meist günstig. Gerade hier lohnt auch der Blick über den Tellerrand und das Zentrum hinaus. Vor allem sollte man Prag nicht verlassen, ohne im Cross Club in Holesovice oder in Zizkov (rund um den Fernsehturm) gewesen zu sein. Ansonsten möchte ich die vegetarischen Locations „Maitrea“, „Clear Head“ und „RadostFX“ empfehlen.

Eine schlechtere Erfahrung hat weniger mit Prag zu tun, sondern mit einer durchaus anstrengenden Kultur der internationalen Studierenden. Bei allen Vorzügen ist es mitunter auch anstrengend, dass viele dieses halbe Jahr als reine Party verstehen und Prag zum zentralen Vergnügungspark auserkoren haben. Oberflächlichkeiten reihen sich an Saufexzesse und ich hatte mitunter Schwierigkeiten, mich zu entscheiden, ob ich das auch will oder eben überhaupt nicht. Es kann auf jeden Fall auf Dauer ziemlich nerven, vor allem, wenn Menschen beginnen, Druck auszuüben. Hier muss man sich erst mal einfinden. Mit Diebstahl und anderer Kriminalität hab ich übrigens keine Erfahrungen gemacht.

Studium und Universität

Wenn man sich nicht gehörig anstrengt und genau hinsieht, ist man an der Karlsuniversität meilenweit von dem Gefühl entfernt, an der ältesten Universität nördlich der Alpen zu studieren. Warum? Es gibt keinen Campus und die Gebäude sind klein, unscheinbar und weit voneinander entfernt. Das zentrale der Gebäude der Faculty of Social Science namens „Hollar“ beherbergt die meisten Kurse für die Kommunikations- und Medienwissenschaften, auch die facheigene Bibliothek und die meisten Dozenten sind hier zu finden. Direkt in der Innenstadt an der Moldau gelegen gibt es eigentlich keine bessere Lage.

Die Bürokratie und Organisation geht hier sehr routiniert und vor allem schnell und einfach über die Bühne. Ohne Internet geht natürlich auch hier nichts, und so wird das meiste auch darüber geregelt. In der Einführungswoche wird man gut angeleitet, und ansonsten ist der von tschechischen Studierenden getragene „International Club“ für einen da, wenn man ihn braucht.

Die Kursauswahl erschien mir ausreichend zu sein, wobei hier kein wirklicher Unterschied zwischen Bachelor- und Masterkursen zu bestehen scheint. Es ist möglich, an der ganzen Karlsuniversität Kurse zu belegen, wobei 50% an der Faculty of Social Science belegt werden müssen. Da das allerdings auch Politik, Soziologie, VWL und ein paar andere Fächer einschließt, sollte jede Person fündig werden. Ein kleiner Tipp für KommunikationswissenschaftlerInnen: An der Faculty of Arts gibt es im Fach „Informationswissenschaften“ auch durchaus interessante Kurse, in meinem Fall war es „Digital Technology & New Learning Culture“ - ideal aus medienpädagogischer Perspektive. Sehr zu empfehlen ist ansonsten die Einführung in die analoge Fotografie incl. Entwicklung in der Dunkelkammer. Aus älteren Berichten konnte ich heraus lesen, dass Ich nicht der erste Mensch aus Leipzig bin, der diesen Kurs gemacht hat (interessanterweise zog es dieses Semester sogar beide Leipziger in diesen Kurs). Diese Erfahrung ist es auch auf jeden Fall wert. In den meisten Kursen sind viele internationale Studierende, nur in zwei Kursen waren auch mehrere Leute aus Tschechien.